Was ist ein Comic?
Das Webcomic-Verzeichnis verzeichnet Comics. Keine Cartoons, keine Skizzenblogs, keine Illustratoren-Portfolios. Was aber ist ein Comic? Hier versuche ich meine persönliche Definition.
Comic vs Fotoroman
Comics sind gezeichnet (oder gemalt), nicht fotografiert.
Zeichnungen, wie Worte (in der Literatur), sind nicht Abbildung sondern Abstraktion einer Wirklichkeit oder Idee einer nicht-existierenden Welt. Als Möglichkeitsraum befreien Zeichungen die Fantasie des Lesers. Fotografie wird vom Leser als Abbildung wahrgenommen. Ihre Konkretheit schränkt die Fantasie ein.
Fotoromane werden dennoch im Webcomic-Verzeichnis aufgeführt.
Comic vs Cartoon / Karikatur
Der Comic erzählt eine Geschichte: den Verlauf einer Handlung. Der Cartoon erzählt nur das Ergebnis einer Handlung (die Pointe). Die Karikatur visualisiert eine abstrakte Vorstellung.
Im Comic verstreicht Zeit.
Da ein Bild immer nur einen Moment zeigen kann und Zeit also nur zwischen Bildern verstreicht, besteht ein Comic immer aus mindestens zwei Bildern.
Natürlich gibt es einzelne Strips (z.B. von Calvin & Hobbes), die aus einem einzigen großen Bild bestehen. Hier wird durch den Kontrast zu den gewohnten mehrbildrigen Folgen die Zeitlosigkeit des dargestellten Augenblicks und des Handlungsraumes insgesamt visualisiert: die ewige Kindheit von Calvin. Diese Einzelbild-Strips sind Comics aber nur als Folge einer Serie. Für sich genommen wären sie keine Comics mehr sondern Illustrationen.
Comic vs Illustration
Der Comic erzählt eine Geschichte, d.h. seine Mittel ordnen sich diesem Zweck des Erzählens unter. Er ist (im Idealfall) so gestaltet, dass nichts den Erzählfluss stört bzw. alles, was er enthält, diesem dient und ihn befördert. Comics sind deshalb in handlungsreichen Passagen graphisch so reduziert (einfach, detailarm), dass sich Panelinhalte auf einen Blick komplett erschließen lassen. Man kann das mit einem Filmbild vergleichen, das auch in einem Sekundenbruchteil komplett erfasst und verarbeitet werden muss, weil gleich darauf das nächste Bild kommt. Passagen eines Comic, die Stimmungen beschwören oder Landschaftserlebnisse nachvollziehen wollen, sind demgegenüber durchaus illustrationsnah komplex und reich.
Illustrationen sind Einzelbilder, die zum Verweilen einladen. Sie wollen die Aufmerksamkeit des Betrachters fesseln (währen das Comicpanel den Blick zum je nächsten Panel weiterleiten muss), und bieten deshalb eine sinnlich reichhaltige Oberfläche, die Anlass zu möglichst langandauernder Betrachtung bietet.
Comic und Illustration kann man in diesem Zusammenhang mit Buchstaben vergleichen: der Buchstabe im Text soll möglichst effizient und unauffällig seine Bedeutung transportieren und nicht durch "schöne" Schnörkel unlesbar werden. Zierbuchstaben sind die Ausnahme und auf Logos, Initiale usw. beschränkt – auf Stellen also, an denen die Erzählung eine Pause macht und Stimmung evoziert wird.
Je "illustrationsähnlicher" die Zeichnung eines Comic, desto langsamer wird das Lesetempo. Grafisch schlichte Comics erzählen komplexe Inhalte; grafisch aufwändige Comics sollen den Leser in eine andere Welt mitnehmen.
Comic vs Bilderbuch
Im Bilderbuch nimmt ein Bild eine Doppelseite (seltener: eine Seite) ein. Von einem Bild zum anderen gelangt man durch Umblättern.
Im Comic sind mehrere Bilder auf einer Seite (oder Doppelseite) zu einem Layout gefügt. Die relative Größe, Position und Kombination der einzelnen Bilder in diesem Layout hat eine Bedeutung.
Version 0.3 vom 14. Oktober 2011