Manfred will's wissen

Als er im Sommer 2009 seinen ersten eigenen Webcomic plante, wollte Manfred mal sehen, was andere deutsche Zeichner so machen. Aber ein Verzeichnis für deutschsprachige Webcomics gab es nicht. Also hat er es kurzerhand selber zusammengenagelt ...

Der lange Weg zum Webcomic-Verzeichnis

Für das ICOM COMIC! Jahrbuch 2012 hat Christian Endres (www.christianendres.de) Manfred ein paar Fragen zum Webcomic-Verzeichnis gestellt. Hier seine Antwort:

Ich gehöre ja nicht zu denen, die schon zeichnen, "seit sie einen Stift halten können". Im Bereich Comic hatte ich drei für meine persönliche wie künstlerische Entwicklung entscheidende Schlüsselerlebnisse.

Anfang der 80er Jahre entdeckte ich, auf dem Heimweg von der Schule, am Kiosk im damaligen Hafenbahnhof in Friedrichshafen einen Drehständer mit Alben aus dem Volksverlag. Ich kaufte mir dort "Den" von Richard Corben, und bestellte bald fast das komplette Programm – von Moebius über Caza bis Druillet – per Postversand. Das Internet und Heimcomputer gab's ja damals noch nicht. (Meine ersten Hausarbeiten an der Uni habe ich noch mit Schreibmaschine getippt. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Tief berührt vom Tode "Vuzz" und dem Erzählprinzip der "Hermetischen Garage", begann ich selbst Comics zu zeichnen.

Im Frühjahr 1987 dann entdeckte meine Mutter eine Anzeige in unserem regionalen Anzeigenblättchen, in der Comiczeichner gesucht wurden. Ich meldete mich, und gemeinsam mit dem Verleger Peter Scherenberger und den Zeichnern Gregor Abraham, Victor Boden, Uli Böttcher, Claudia Obert-Schwichtenberg, Hartmut Klotzbücher und einigen anderen gründete ich das Comicmagazin "Rammbock".

Für die leider nur drei Ausgaben dieses Magazins und für diverse Fanzines zeichnete ich bis Mitte der 90er Jahre zahlreiche kurze Comics und veröffentlichte 1994 dann ein Album im Selbstverlag, "Gespräch". Meine Comics waren grafisch unflexibel und inhaltlich selbstbezogen-unverständlich, und der Erfolg beim Publikum blieb entsprechend aus.

Enttäuscht gab ich das Zeichnen auf.

2005 dann, in den langen Wintern in Russland, wo ich als Deutschlehrer an einer Universität arbeitete, begann ich wieder zu zeichnen. Mein einziger Kontakt zur Außenwelt war das Internet, und ich begann meine Zeichnungen auf deviantART (www.deviantart.com) auszustellen. Ich spielte schon bald wieder mit dem Gedanken, einen Comic zu zeichnen, aber ich wollte mich nicht mehr dem Urteil von mutlosen Verlegern aussetzen oder Geld für eine Selbstveröffentlichung in den Sand setzen.

Auf Webcomics bin ich dann über einige Zeichner aufmerksam geworden, deren Arbeiten ich auf deviantART kennen und schätzen gelernt hatte, allen voran "Keziah Firehair" (www.warlordccg.de/webcomic) und "WMD" (outlandentertainment.com/wmd) von Jeremy Mohler und Jeff Wamester, und auf Umwegen entdeckte ich "Platinum Grit" (www.platinumgrit.com) von Trudy Cooper und Dany Murphy. Ich machte mich gezielt auf die Suche, entdeckte zahlreiche unglaublich riesenhafte englischsprachige Webcomicverzeichnisse – aber deutsche Webcomics fand ich kaum.

Ich war schon länger Mitglied im Comic Forum (www.comicforum.de), wo ich mich angemeldet hatte, um mein Geburtsdatum in Hates Liste deutscher Zeichner einzutragen. Im Sommer 2009 dann, als ich konkrete Pläne für einen eigenen Webcomic zu hegen begann, kam mir bei einer Diskussion im Künstlerbereich des Comic Forums die Idee, einfach selbst ein solches Verzeichnis zu erstellen. Ich stellte meine Idee in einem Thread im Comicforum vor (www.comicforum.de/showthread.php?t=102293) und bat interessierte Künstler um Ideen.

Wir überlegten uns einen Domainnamen und welche Features ein solches Verzeichnis haben sollte. Von Frauke Pfeiffer von Comicgate (www.comicgate.de) erfuhr ich, dass Oliver Knörzer (www.sandraundwoo.de) zur selben Zeit an einem ähnlichen Projekt arbeitete (www.wpedia.de). Ich nahm Kontakt mit ihm auf und plante mit ihm, Asher und Sarah Burrini (sarahburrini.com) ein Treffen, um ein solches gemeinsames Projekt aus der Taufe zu heben.

Zu diesem Treffen kam es leider nicht. Oliver wollte eine reine telefonverzeichnisähnliche Auflistung von Webcomics. Meine Pläne waren sehr viel umfassender: Ich wollte Rezensionen, ausführliche Vorstellungen der Webcomics und eine koordinierte Öffentlichkeitsarbeit aller Webcomicmacher. Mir schwebte das Webcomic-Verzeichnis als zentrale Informationsplattform rund um den deutschsprachigen Webcomic vor. Das wäre sehr arbeitsintensiv geworden, und dazu hatte Oliver keine Lust (was ich verstehen kann), und auch andere Mitarbeiter fanden sich nicht. Alle freuten sich über das Verzeichnis, aber keiner hatte die Kapazitäten oder die Motivation, dort selbst Arbeit hineinzustecken.

Ich habe dann selbst versucht, so viele der Funktionen umzusetzen, wie ich konnte, aber Öffentlichkeitsarbeit oder Rezensionen waren mit leider nicht möglich. Eine Bewertungsfunktion ist weiterhin geplant, doch leider habe ich heute eher noch weniger Zeit als vor zwei Jahren, so dass ich nicht glaube, dass ich das bald umsetzen kann.

Mehr als eine Handvoll Stunden Arbeit im Monat habe ich mit dem Webcomic-Verzeichnis gegenwärtig nicht. Ich überprüfe Neueinträge und Änderungswünsche, korrigiere vielleicht die schlimmsten Rechtschreibfehler, manchmal weist mich ein freundlicher Nutzer auf einen Programmierfehler hin – das war's. Für einen Neueintrag brauche ich selten mehr als fünf Minuten: Ich rufe die Seite auf, blättere und lese ein wenig herum, um die Altersempfehlung und die Konformität mit deutschen Gesetzen zu prüfen, dann schalte ich den Eintrag frei.

Anfangs habe ich auch Cartoons verzeichnet, inzwischen habe ich die wieder gelöscht. Für mich sind das zwei unabhängige Genres mit teilweise unterschiedlichen Zielgruppen. Ich hätte dann auch andere comicnahe Genres mit aufnehmen können oder müssen (wie Illustration), und das wollte ich nicht. Eine qualitative Auswahl treffe ich bisher nicht, aber ich denke darüber nach ob und wie ich einen Unterschied zwischen den druckreifen Arbeiten eines gelernten Illustrators und den ersten krakeligen Versuchen eines Zwölfjährigen machen möchte. Eine Bewertungsfunktion mit gewichtetem Listing könnte diese Problem der Unterschiedslosigkeit auflösen, oder eben eine redaktionelle Betreuung. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellen die großen Bilder auf der Startseite dar, wo ich meine persönlichen Lieblingscomics hervorgehoben präsentiere. Das sollte nur eine vorübergehende Lösung sein, ist jetzt aber aus Zeitmangel so geblieben.

Die Zukunft des Webcomic-Verzeichnisses ist im Moment für mich offen. Ich zeichne selbst keinen Comic und verdiene mit dem Verzeichnis kein Geld. Es ist also eine reine Fleißarbeit. Ich hatte schon überlegt, es (1) offline zu nehmen, (2) einem Nachfolger zu übergeben, (3) meine ursprünglichen Ziele mit redaktionellem Teil umzusetzen oder (4) alles so zu lassen, wie es ist. Solange es mich nicht mehr Zeit und Kraft kostet, und solange eine nennenswerte Zahl von Besuchern die Seite nutzt, werde ich das Verzeichnis weiter betreiben. Irgendwann aber werde ich eine Entscheidung fällen müssen: entweder ich baue das Verzeichnis weiter aus, oder ich gebe es auf.

Ob die "Gefällt mir"-Buttons oder redaktionellen Beiträge für die Nutzer notwendig sind, kann ich nicht sagen. Das Webcomic-Verzeichnis ist ein nicht-kommerzielles Projekt, und soll es auch bleiben, ich bin also nicht darauf angewiesen, dort eine möglichst zahlreiche Community durch hype Nebensächlichkeiten anzulocken. Gleichzeitg befriedigt mich das Verzeichnis in seiner gegenwärtigen Form nicht. Ich möchte, dass es an Bedeutung gewinnt und der Ort wird, wo jährlich der beste deutsche Webcomic gekürt wird. Dass das auf der Buchmesse stattfindet, widerspricht dem Prinzip Webcomic.

Mal schauen, ob sich vielleicht nach diesem Interview jemand bei mir meldet, der Lust hat, gemeinsam mit mir das Webcomic-Verzeichnis zu dem zu machen, was es sein könnte: Die zentrale Anlaufstelle zum Thema Webcomic im deutschsprachigen Raum.